Die Bedeutung der Biodynamik |
von Olivier Humbrecht MW
Auf der ganzen Welt hören Weinliebhaber immer mehr von biodynamischem Weinbau. Noch vor wenigen Jahren wurden Pioniere der Biodynamik als merkwürdige Sonderlinge abgetan. Sie wurden für bizzare Bio-Anbauer gehalten, die seltsame Methoden anwenden und sich z.B. nach dem Mondzyklus, den Planeten und Sternen richten. In den letzten zehn Jahren hat sich die öffentliche Meinung dahingehend geändert, dass ein gewisses sich lustig machen der Neugierde, und vielleicht sogar dem Respekt Platz gemacht hat, da in jüngerer Zeit mehr und mehr gute Weinberge nach biodynamischen Richtlinien bewirtschaftet werden. Was ist eigentlich Biodynamik? Weshalb wird sie angewendet? Und was für einen Einfluss hat sie auf die Weine und Produktionsmethoden? Was ist Biodynamik? Die Prinzipien der bio-dynamischen Landwirtschaft wurden im Jahre 1924 von Rudolf Steiner in Deutschland festgelegt. Damit hat er auf die Situation der Landwirte reagiert, welche ihre Böden durch den missbräuchlichen Einsatz der Düngemittel der wachsenden deutschen Industrie1 bedroht sahen. Diese Prinzipien sind in den folgenden drei Punkten zusammengefasst: - - Die Verbesserung des Bodens und des pflanzlichen Lebens in seinem natürlichen Milieu, durch die Verwendung von Produkten pflanzlichen, tierischen und mineralischen Ursprungs; - Der Einsatz dieser Produkte zu ganz bestimmten Zeiten des Jahreszyklus (Sonne, Mond, etc.) Dies ist der eigentliche dynamische Ansatz2 und berücksichtigt, dass der Grund und Boden (Erde = Mutter, Sonne = Vater) ein eigenständiger Organismus darstellt. Ein biodynamischer Landwirt wählt bestimmte Bodenbehandlungen, die darauf abzielen, die Lebenskraft des Bodens und der Pflanzen zu stärken. - Das Bearbeiten der Böden durch beackern, pflügen, etc.
Das Ziel In der biodynamischen Landwirtschaft geht es hauptsächlich darum, sich um die Böden zu kümmern. Dazu muss sichergestellt werden, dass diese im richtigen Gleichgewicht sind und die harmonischen Voraussetzungen für den Grund und Boden, die Pflanzen und die Umgebung gegeben sind. Biodynamiker gehen davon aus, dass die Qualität der Böden nicht anhand ihrer chemischen Zusammensetzung und Struktur festgestellt werden kann, sondern anhand der Qualität, Quantität und Vielfalt der in der Erde vorkommenden Bioorganismen. Die Biodynamik hat die Verbesserung der Qualität der Böden zum Ziel, d.h. eine grosse Vielzahl von Bakterien, Pilzen, Würmern, etc., um der Pflanze zu dickeren, gesünderen und längeren Wurzeln zu verhelfen, wie auch zur besseren Entwicklung von Blättern und Blüten, indem sie die Energie zur Verfügung stellt, welche für einen harmonischen Wachstumsprozess benötigt wird.
Was die Weinbauern dazu motiviert Biodynamik zu betreiben Biodynamik ist mehr als nur eine biologische Anbauweise. Es gibt viele Gründe biodynamisch anzubauen:
Funktioniert es? Seit nunmehr 7 Jahren biodynamischen Anbaus auf unserem Anwesen (was eine sehr kurze Zeit ist) haben wir viele Auswirkungen der biodynamischen Methoden auf die Reben gesehen und erlebt. Vor ca. 10 Jahren haben wir uns dazu entschieden, unseren eigenen Kompost herzustellen, da wir mit dem kommerziellen biologischen Kompost unzufrieden waren (ihm fehlt das Leben, das den Kompost bei der Verwendung erst interessant macht). Wir haben viele Jahre lang versucht, einen hochwertigen Kompost zu produzieren und waren dabei mit grossen Schwierigkeiten konfrontiert; bis zu dem Jahr, da wir ausschliesslich biodynamischen Dünger gewinnen konnten. Ab diesem Zeitpunkt konnten wir eine enorme Verbesserung der Qualität des Komposts feststellten. Daraufhin beschlossen wir, alle sechs Schritte zur Energetisierung des Komposts zu übernehmen, was diesen enorm verbesserte. Der Kompost hatte eine grossartige Struktur, roch frisch und war voll von organischem Leben. Dieses Experiment überzeugte uns so sehr, dass wir alle biodynamischen Prinzipien in unseren Weinbergen übernahmen. Ist es teurer? Biodynamische Mittel sind in der Herstellung und im Einkauf günstig. Viele Pflanzensude werden von den Weinbauern selber mit geringem Kostenaufwand hergestellt. Einige biodynamische Weinbauern erzielen mit ihren Einkäufen Einsparungen, da sie keine Herbizide, chemischen Stoffe, regelmässig einzusetzende Spritzmittel, etc. mehr kaufen. Leider bringt der Verzicht auf diese Mittel oft vermehrt Handarbeit mit sich, wie auch einen grösseren Zeitaufwand beim Einsatz der teuren landwirtschaftlichen Maschinen, welche die chemischen Mittel ersetzen. Kommerzielle Dünger sind beispielsweise sehr günstig und 100kg Nitrate pro Hektar sind ausreichend, um aus einem Weinberg unglaubliche 100hl/ha zu erwirtschaften. Dabei braucht eine Person nur wenige Minuten für die Ausbringung der Nitrate. Bei 10 Tonnen Kompost pro Hektar sieht dies etwas anders aus, besonders dann wenn der Hang so steil ist, dass keine Traktoren eingesetzt werden können. Dünger von biodynamischen Höfen ist relativ teuer, die Gewinnung ist üblicherweise arbeitsintensiv und erfordert viel Zeit und Platz wie auch Maschinen für dessen Ausbringung in den Weinbergen. Die erschwerten Bedingungen werden dann sichtbar, wenn man bedenkt, dass die Biodynamik keine Heilmittel kennt. Alles orientiert sich an der Prävention und der Weinbauer muss ständig in seinen Weinbergen sein und die Böden und Reben beobachten, um das kleinste potentielle Problem frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Biodynamische Produkte sind zwar oft günstiger, doch die vielen aufwendigen Einsätze (Dynamisierungen, kurze Wirkungsdauer der eingesetzten Mittel, kalenderspezifische Einschränkungen, etc.) erfordern mehr Spritzungen. Darüber hinaus ist der Einsatz auch arbeitsintensiver (es ist z.B. nicht möglich biodynamische Mittel mit der klassischen Bordeaux-Brühe zu vermengen; p501, ein Horn-Kiesel-Präparat, darf nur an gewissen Tagen ausgebracht werden und nur vor Sonnenaufgang). Die meisten Mittel gegen Parasiten werden nur in geringen Mengen verwendet (z.B. 100g/ha Bordeaux-Brühe) und fallen in die Klasse der ‚Kontakt-Mittel’. Dies bedeutet, dass sie mit nur wenigen Millimetern Niederschlag weggewaschen werden können und nur 10 Tage lang wirksam sind. Daher muss der Weinbauer häufig und mit unterschiedlicher Maschinerie spritzen. Die Bodenpflege (was mit Sicherheit die grösste Investition eines biologisch arbeitenden Weinbauern ist) kann ebenfalls einen massiven Kostenanstieg zur Folge haben, im Vergleich zum Einsatz zu Herbiziden. Ein jährliches Herbizidprogramm kostet zwischen 150 und 300 €uro pro Hektar, und eine Person benötigt ca. 1–2 Stunden pro Hektar für deren Ausbringung. Die Bodenbearbeitung mit einem Traktor erfordert hingegen mindestens 4–6 verschiedene Bodenbearbeitungen (in einem warmen, feuchten Jahr manchmal auch mehr). Deren Wirksamkeit hält unterschiedlich lange an, und die Bearbeitung erfordert normalerweise verschiedene landwirtschaftliche Maschinen. In einem einfachen Gelände (z.B. in einem flachen Weinbaugebiet) dauert es 2–6 Stunden pro Hektar, um nur ein Mal jede Reihe in einem dichten Weinberg zu bearbeiten. Dies muss von einem geübten Fahrer ausgeführt werden und mit Traktoren und Maschinen, die viel komplizierter und teurer sind als gewöhnliche Herbizid Spritzmaschinen. Biodynamiker haben häufig ein hochgestecktes Qualitätsideal und entwickeln daher Verfahren, die die Kosten enorm in die Höhe schnellen lassen. Am leichtesten verständlich ist der Ertragsrückgang pro Rebe, bei einer erhöhten Rebdichte pro Hektar. Spitzenweine werden von Weinbergen mit niederem Ertrag gewonnen, jedoch auch von Weinbergen mit einer hohen Rebdichte. Um die Anzahl der Trauben pro Rebe zu reduzieren wird das Verhältnis von Laub zu Trauben und von Wurzeln zu Trauben erhöht. Die Kosten pro Flasche bei der Bewirtschaftung eines Weinbergs von 10'000 Reben/ha der nur 35hl/ha hervorbringt sind auch ohne Taschenrechner sichtbar, verglichen mit nur 3'000 Reben, die zwei Mal so viel hervorbringen! Oft können Weinberge mit einer geringeren Rebdichte mit grösseren und schwereren Traktoren bearbeitet werden, die nur halb soviel kosten wie spezielle, schmalere, leichtere Gummi-Raupen-Systeme, welche schonender für den Grund und Boden sind. Der Respekt für die Erde ist den biodynamischen Weinbauern ein grosses Anliegen. Die Zusammenpressung des Bodens schadet nicht nur der Struktur sondern auch dem Leben des Bodens. Wenn kein Sauerstoff vorhanden ist, ist kein Leben und somit auch keine Wurzelentwicklung möglich. In kompakter Erde sind die Wurzeln oft sehr nahe an der Erdoberfläche und können nicht in die Tiefen des Bodens vordringen. Daher kann sich der Charakter der Erde auch nicht in den Trauben widerspiegeln. Eine mechanische Erntemaschine schadet dem Boden fast mehr als den Trauben! Und selbst die leichteste Maschine wird immer schwerer sein als eine Person. Daher bevorzugen viele Biodynamiker Handarbeit. Dabei kann die Arbeit besser erledigt werden und die Rebe belohnt die Anwesenheit des Weinbauers im Weinberg. (Abgesehen von der Ernte beschäftigt unser Anwesen 26 fest angestellte Personen, womit es durchschnittlich 15'000 Kisten Wein von 40ha herstellt. Damit sind die Personalkosten 6,5 Mal über dem Durchschnitt im Elsass.) Ist es die Mühe wert? Die biodynamische Landwirtschaft respektiert die Erde und das Leben. Sie verursacht keine Umweltverschmutzung (keine Verschmutzung ist nachhaltig!), setzt keine Gifte oder toxischen Substanzen frei, die dann in der Luft, der Erde, auf den Pflanzen (Trauben) oder im Grundwasser zu finden wären und ist vollkommen in ein langlebiges Landwirtschaftssystem integriert, selbst im Falle einer Monokultur, wie das beim Weinbau der Fall ist. Abgesehen von den Umwelt- und Gesundheitsaspekten, sollten die Weinliebhaber auf Persönlichkeit und Charakter ihrer Weine achten. Übermässige Ernteerträge, tote Böden, Reben, die mit Mineralsalzen gedüngt werden, etc. können keine wirklich charakterreichen Trauben hervorbringen. Diese werden lediglich den chemischen Charakter der Substanzen entwickeln, die der Wein-‚Produzent’ eingesetzt hat. Solche Trauben erfordern geschickte und erfahrene Wein-‚Hersteller’, welche viel Makeup verwenden, um das Fehlen des Charakters zu verschleiern. Önologen haben aromatische, kultivierte Hefen erfunden, neues Eichenholz und alle möglichen anderen Wunderdinge, die all den Weinen die gleichen Charaktereigenschaften verleihen. Nur die Anbauprinzipien, die das Leben respektieren werden Weinbauern ermöglichen, den wahren Charakter ihres Klimas, der Weinsorte und des Bodens auszudrücken. Wein wird natürlich auf Grund seiner aromatischen Vielschichtigkeit, Harmonie, Konzentration, Persönlichkeit, seines Genuss- und Alterungspotentials, etc. beurteilt. Wein sollte jedoch auch auf Grund seiner nicht durch den Geschmacksinn feststellbaren Qualitäten beurteilt werden. Während des Trinkens von biodynamischem Wein absorbiert der Trinkende auch all jene Kräfte des Lebens, die bei der Entstehung des Weines mobilisiert wurden. Wollen wir wirklich all die destruktiven Kräfte, welche beim konventionellen Anbau zur Anwendung kommen, in unseren Körper aufnehmen? _________________________________________________ 1 Rudolf Steiner. Agriculture. Fondements Spirituels de la méthode bio-dynamique. Edition Anthroposophique Romandes. Genf. 2 Maria Thun «Calendrier des Semis» Mouvement de Culture Bio Dynamique. Dies ist ein spezifischer Kalender, der alle Informationen betreffend der Sonne, des Mondes, der Planeten und deren Konstellationen enthält wie auch wertvolle Informationen für biodynamische Landwirte. |
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